Grundlagen · W-07

Was ein KI-Agent wirklich ist.

Das Wort „Agent" wird gerade für alles benutzt, vom Auto-Responder bis zum Programm, das nachts Angebote vorbereitet. Hier steht in einfacher Sprache, was einen Agenten von einem Bot unterscheidet, in welchen Formen ein Agent existiert und wie das bei mir im Betrieb aussieht.

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Ich arbeite seit Monaten täglich mit KI, und trotzdem blieb mir das Wort „Agent" lange abstrakt. Man liest es überall, jeder meint etwas anderes damit, und am Ende hatte ich das Gefühl, ich schreibe einen Prompt und nenne ihn Agent. Vor ein paar Tagen habe ich meine KI deshalb gebeten, es mir so zu erklären, dass es klick macht. Die Antwort war so brauchbar, dass ich sie hier für Sie aufschreibe, ergänzt um die Beispiele aus meinem eigenen Betrieb.

01Der Bot: ein festes Skript

Ein Bot arbeitet einen vorgegebenen Ablauf ab. Wenn Eingabe A, dann Antwort B. Er entscheidet nichts, er folgt einem Skript, das ein Mensch vorher geschrieben hat. Die automatische Antwort „Danke für Ihre Anfrage, wir melden uns" ist ein Bot. Der Website-Chat, der auf „Öffnungszeiten" die Öffnungszeiten ausgibt, ist ein Bot. Auch ein Programm, das jede Nacht prüft, ob der Server antwortet, ist ein Bot.

Das ist keine Abwertung. Bei Calisoft läuft so ein Bot jeden Morgen um 7:30 Uhr: Er ruft die Adressen unserer Systeme auf, prüft, ob die Verschlüsselungszertifikate noch gültig sind, schaut ins Protokoll der letzten Sicherung und schreibt das Ergebnis in ein Journal. Im Vault steht er als „Wächter-Agent", und genau das ist die Verwechslung, um die es hier geht: Er enthält keine KI und trifft keine Entscheidung. Er ist ein verlässlicher, dummer Bot, und für diese Aufgabe ist das die richtige Wahl.

02Der Agent: Werkzeuge, eine Schleife, ein Ziel

Ein Agent hat drei Dinge, die ein Bot nicht hat:

01

Werkzeuge

Er kann etwas tun, nicht nur reden: Dateien lesen und schreiben, Befehle ausführen, E-Mails abrufen, in einer Datenbank nachschlagen.

02

Eine Schleife

Er bekommt eine Aufgabe, überlegt, benutzt ein Werkzeug, sieht sich das Ergebnis an, überlegt neu, und so weiter, bis die Aufgabe erledigt ist.

03

Ein Ziel statt eines Skripts

Sie sagen ihm „sorg dafür, dass X erledigt ist", und er findet den Weg selbst. Wie viele Schritte das sind, steht vorher nicht fest.

Das beste Beispiel ist das Werkzeug, mit dem ich arbeite, Claude Code. Ich sage: „Behebe den Fehler in der Rechnungsberechnung." Daraufhin liest es Dateien, sucht die betroffene Stelle, ändert sie, führt die Tests aus, sieht einen zweiten Fehler, ändert nochmal, testet nochmal. Keinen dieser Schritte habe ich vorgegeben. Das ist ein Agent. Ein Bot könnte an dieser Stelle nur sagen: „Ich habe Ihre Anfrage erhalten."

03Der häufigste Irrtum: die Rollenbeschreibung

Was die meisten für einen Agenten halten, ist ein Text wie dieser: „Du bist ein erfahrener Vertriebsmitarbeiter, deine Aufgabe ist es, Anfragen zu beantworten, gehe so vor, nutze diesen Stil." Das ist der sogenannte Systemprompt, die Rollenbeschreibung. Sie ist ein wichtiger Bestandteil eines Agenten, aber allein noch keiner.

Wenn diese Rolle nur Text produzieren kann, haben Sie einen Chatbot mit Persönlichkeit. Sie kopieren seine Antwort, fügen sie irgendwo ein, holen die nächste Information, kopieren sie zurück. Sie sind die Werkzeuge und Sie sind die Schleife. Ein Agent wird daraus erst, wenn das Modell selbst handeln darf und in einer Schleife läuft. Ein einfacher Test: Kann die KI etwas erledigen, ohne dass Sie zwischendurch etwas kopieren müssen? Wenn nein, ist es ein Chatbot, egal wie gut die Rolle geschrieben ist.

04Wo ein Agent lebt: Ein Agent ist eine Datei

Das war für mich der ernüchternde und zugleich befreiende Teil. Ein Agent ist kein Wesen, das irgendwo läuft und wartet. Ein Agent ist eine Datei, und je nachdem, wo Sie ihn bauen, sieht die Datei anders aus. Ich unterscheide drei Stufen:

01

Die Rolle im Chat

Ein Systemprompt in ChatGPT oder claude.ai. Lebt nur im Chatverlauf, hat keine Werkzeuge. Vorstufe, noch kein Agent.

02

Die Markdown-Datei

Ein Subagent in Claude Code: Name, Aufgabe, erlaubte Werkzeuge, Systemprompt. Läuft, wenn Claude Code ihn während einer Sitzung ruft.

03

Das eigene Programm

Ein Agent als Python-Programm (Agent SDK). Läuft auf einem Server, nach Zeitplan oder auf einen Auslöser hin, ohne dass jemand davor sitzt.

Stufe 2: der Subagent als Markdown-Datei

In Claude Code ist ein Agent eine Textdatei im Ordner .claude/agents/ des Projekts. Darin stehen Name, eine Beschreibung, wann er zuständig ist, welche Werkzeuge er benutzen darf, und die Rollenbeschreibung. Das ist das ganze „Speichern". Der Agent existiert, solange die Datei existiert, und er läuft nur, wenn Claude Code ihn in einer Sitzung aufruft. So sieht einer aus, den ich für die Belegprüfung nutzen könnte:

.claude/agents/belegpruefer.md
--- name: belegpruefer description: Prüft neue Belege im Eingang und ordnet sie Aufträgen zu tools: Read, Grep, Bash ---   Du prüfst eingehende Belege für einen Handwerksbetrieb. Lies jeden Beleg im Ordner eingang/, ermittle Absender, Datum und Betrag und suche den passenden Auftrag in auftraege/. Regeln: Nie einen Beleg löschen. Bei Unsicherheit als „unklar" markieren statt raten. Nenne für jede Zuordnung die Auftragsnummer, auf der sie beruht.

Mehr ist das nicht. Die Werkzeuge stehen in einer Zeile, der Rest ist eine Anleitung, wie man sie einem neuen Mitarbeiter geben würde. Der entscheidende Unterschied zur Rolle im Chat: Die Zeile tools: erlaubt ihm, Dateien zu lesen und Befehle auszuführen. Damit kann er handeln.

Stufe 3: der Agent als eigenes Programm

Mit dem Agent SDK, einer Bibliothek von Anthropic für Python oder TypeScript, wird der Agent ein Programm. In einer Datei, meist main.py, steht grob dasselbe wie in der Markdown-Datei, dazu die Startaufgabe und ein Aufruf, der die Schleife in Gang setzt. Dieses Programm läuft wie jedes andere: auf meinem Rechner, auf einem Server, jede Nacht um drei Uhr oder ausgelöst durch eine eingehende E-Mail. Das ist der große Unterschied zum Subagenten. Der Subagent lebt nur innerhalb von Claude Code, während Sie davor sitzen. Der SDK-Agent läuft ohne Sie.

main.py · stark vereinfacht
rolle = "Du prüfst eingehende Belege ... (wie oben)" werkzeuge = [dateien_lesen, erp_auftraege_suchen, journal_schreiben] aufgabe = "Bearbeite alle neuen Belege im Eingang."   agent = Agent(rolle, werkzeuge) agent.ausfuehren(aufgabe) # startet die Schleife, läuft bis fertig

Ein Beispiel, um das greifbar zu machen: Ein Programm dieser Art durchsucht jeden Morgen das Postfach nach Angebotsanfragen, liest die Anforderungen aus, prüft im ERP, ob Abmessungen und Material lieferbar sind, legt einen Angebotsentwurf an und schickt Ihnen eine Zusammenfassung. Sie sitzen nicht dabei. Es entscheidet selbst, welche Mails relevant sind und was es nachschlagen muss.

05Beispiele aus meinem Betrieb, ehrlich einsortiert

Bei Calisoft läuft ein System, das ich für Kunden aufbaue, und in dem beides vorkommt. Hier drei Beispiele, jeweils mit einem gekürzten Journal-Eintrag als Beispiel, wie er bei uns aussieht.

Der Wächter (ein Bot). Festes Skript, keine KI, jeden Morgen 7:30 Uhr. So sieht sein Journal-Eintrag aus:

journal · wächter · 07:30
3 Dienste geprüft: alle erreichbar Zertifikate gültig, nächster Ablauf in 61 Tagen Letzte Sicherung: gestern 20:00, ohne Fehler   keine Rückfrage, nichts wartet auf Sie

„Frag den Vault" (ein Agent an kurzer Leine). Hinter einem Eingabefeld in unserem Portal läuft Claude auf dem Server. Er hat genau drei Werkzeuge, alle nur lesend: Dateien öffnen, Dateien finden, Text durchsuchen. Schreiben oder Befehle ausführen kann er technisch nicht. Sein Ziel ist, eine Frage aus dem Firmenwissen zu beantworten und die Quelle zu nennen. Wie viele Dateien er dafür liest, entscheidet er selbst:

journal · frage · nur lesend
Frage: Sind die Preise auf der ERP-Seite bestätigt? 4 Dateien gelesen, 2 Suchen Antwort: Nein. Die Staffel 1.900 / ab 4.500 / 249 € ist der Vorschlag vom 12.08.2026 und im Vault als „noch nicht bestätigt" markiert. Auf der Website steht sie als Orientierungspreis.   Quellen: Calisoft.md (Abschnitt 7), Website und Marke.md

Der Dokumenten-Briefkasten (ein Agent mit Auslöser). Wird ein Brief oder eine PDF hochgeladen, startet die KI, liest das Dokument, erkennt Absender, Datum und Art, benennt die Datei nach unserem Schema, legt sie im passenden Ordner ab und meldet das ins Journal. Was sie nicht sicher zuordnen kann, bleibt als Rückfrage stehen:

journal · dokumente
2026-08-19_finanzamt-umsatzsteuer-voranmeldung.pdf → 02_Finanzamt/ 2026-08-21_ionos-rechnung-august.pdf → 05_Eingangsrechnungen/ wartet: scan_0034.pdf, Absender unleserlich, bitte prüfen

Und das größte Beispiel lesen Sie gerade: Diese Website hat ein Agent gebaut, mit Werkzeugen für Dateien, Screenshots und Server, in einer Schleife aus Bauen, Prüfen und Nachbessern. Wie das ablief, steht im Artikel Wie KI diese Homepage in 45 Minuten bauen konnte.

Die Regel, die bei mir für jeden Agenten gilt

Die Grenzen müssen technisch sein, nicht sprachlich. Was ein Agent nicht dürfen soll, bekommt er gar nicht erst als Werkzeug. „Frag den Vault" kann nicht schreiben, weil er kein Schreibwerkzeug hat, nicht weil in seiner Rolle „bitte nichts ändern" steht. In gelesenen Dokumenten kann Text stehen, der einen Agenten umlenken will. Ein Werkzeug, das er nicht hat, kann er auch nicht missbrauchen.

06Was das für Ihren Betrieb bedeutet

Die erste Frage bei einer wiederkehrenden Aufgabe lautet: Reicht ein Bot? Wenn die Regeln vollständig aufschreibbar sind (prüfe A, melde B), dann ja, und ein Bot ist billiger, schneller und berechenbarer. Einen Agenten braucht es dort, wo Urteilsvermögen nötig ist: unterschiedlich aufgebaute Dokumente lesen, eine Anfrage verstehen, im ERP nachschlagen, entscheiden, was fehlt. Belege zuordnen, Anfragen vorsortieren, Angebote vorbereiten sind solche Aufgaben.

Der Weg dorthin ist bei mir immer derselbe: erst die Rolle und die Regeln aufschreiben, dann als Subagent in Claude Code testen, während ich zuschaue, und erst wenn er zuverlässig ist, als eigenes Programm auf den Server, mit Journal und Freigabe für alles, was nach außen wirkt. Wie die Agenten im Calisoft-System zusammenarbeiten, steht auf der Seite zu den KI-Agenten und dem Unternehmens-Vault.

Weiterlesen: Warum ich KI als System denke, nicht als Tool und Die 4 Stufen der KI-Nutzung im Betrieb.

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